„In ganz Europa erinnern wir in diesen Tagen an das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren. Ein Krieg, den Deutschland 1918 nach mehr als vier Jahren und Millionen Toten auf allen Seiten verloren hat und der als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts gilt.

Ein Krieg, über den der französischen Staatspräsident Emmanuel Macron beim Weltkriegsgedenken in Paris vor wenigen Tagen sagte: „Europa hat damals beinah Selbstmord begangen. Die Menschlichkeit ist untergegangen in den Schützengräben, in der Hölle, die alle Soldaten getroffen hat, egal auf welcher Seite sie gekämpft haben.“

Keiner der Millionen getöteten, gefallenen und kriegsbeschädigten Menschen hat sich damals sein Schicksal ausgesucht – keiner wurde freiwillig zum Opfer. Die Realität an der Kriegsfront hatte mit den Vorstellungen eines heroischen Kampfes tatsächlich nichts zu tun. Schützengräben-Alltag und verbitterte Stellungskämpfe – wie in Verdun – zeigen die Unerbitterlichkeit dieses Krieges.

Von der Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit zeugt auch das folgende Gedicht:

Heldenfriedhof

Unzählige Gräber
Kreuze aus Holz und aus Stein
die darunter liegen
wollten nie Helden sein.

Keine Hoffnung, kein Leben
keine ersehnte Heimkehr
und ihr Platz bei den Liebsten
der blieb immer leer.

Die Zeit, sie hält still
an diesem würdigen Ort
nur die Bäume umher
rauschen und flüstern
immerzu, immerfort:
„Nie mehr ein Krieg,
nie mehr, niemals mehr!“

Und Freunde und Feinde
wandern nun
fern aller Zeit
gemeinsam durch die blühenden Wiesen
der Ewigkeit.
(Autor: Josef Albert Stöckl)

Heute, am Volkstrauertag trauern und erinnern wir uns all jener Menschen, die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, von Verbannung, von Flucht und von Verfolgung geworden sind. Wir, die wir heute in Frieden und Wohlstand leben dürfen, verneigen uns an diesem Tag vor all jenen, denen das Schicksal nicht wohlgesonnen war.

Der Volkstrauertag ist kein Relikt aus längst vergangenen Tagen, etwas Altmodisches, Verstaubtes und Vergangenes. Ich bin vielmehr davon überzeugt, der Volkstrauertag ist wichtig und er ist hoch aktuell. Denn der Volkstrauertag ist ein Tag, an dem wir innehalten. Ein Tag, an dem wir für einen Moment die Uhren anhalten. Ein Tag, an dem wir den Alltag Alltag sein lassen und an dem wir uns in Stille und Gedenken erinnern. Wir erinnern uns an die Menschen, die Opfer von Leid und Tod geworden sind. Wir erinnern uns der Momente ihres Lebens. Und wir erinnern uns der Umstände ihres Leidens und Todes.

Wir dürfen an einem solchen Tag nicht vergessen: Niemals in der Geschichte der Menschheit sind so viele Menschen Opfer von Kriegen, Gewalt und Terroranschlägen geworden wie im vergangenen und in diesem Jahrhundert. Krieg, Gewalt und Tod sind noch immer gegenwärtig, ob in Syrien, in Israel und Palästina, im Jemen und anderswo in der Welt.

Und wir brauchen auch einen Tag wie den Volkstrauertag, weil tatsächlich bald ein Vergessen eintreten könnte. Zeitzeugen sterben, immer weniger Opfer können das Grauen und das erlittene Leid weitertragen. Immer weniger Menschen haben die Schrecken der Weltkriege am eigenen Leib erfahren. Was Krieg bedeutet, welch Elend, Not und Leid es über die Menschen bringt, ist den meisten von uns nur noch aus Büchern und Filmen, aus Nachrichten oder Erzählungen präsent. Das birgt die Gefahr des Vergessens. Darum müssen wir uns erinnern, damit wir aus der Vergangenheit Lehren für die Zukunft ziehen. Wir brauchen einen Blick zurück, wenn wir nach vorne schauen wollen.

Das Leben im Hier und Jetzt, in unserem friedlichen und freiheitlichen Land, ist ein Geschenk. Dieses Geschenk enthält eine Verpflichtung. Die Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass der Frieden erhalten bleibt. Dafür zu sorgen, dass es eine Zukunft in Frieden und Freiheit gibt. Hierfür tragen wir gemeinsam die Verantwortung.

Die Erinnerung an die Geschichte mahnt uns zur Wachsamkeit gegenüber allem, was Demokratie und Rechtsstaat, was Frieden und Freiheit gefährdet. Sie mahnt uns zur Wachsamkeit gegenüber religiöser und politischer Intoleranz, gegenüber Fanatismus und Hass. Nur wer sich der Gefahren für Frieden und Freiheit stets aufs Neue erinnert, kann sie gegenwärtig erkennen und ihnen entgegentreten.

Der wiederauflebende Nationalismus bereitet mir Sorge. Wer ruft: „Meine Interessen zuerst!“ (Trump/USA), vergißt die berechtigten Interessen anderer. Wer sagt: „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ (Gauland/AFD), verharmlost auf erschreckende Weise den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg mit über 50 Mio. Kriegsopfern.

Um all dies richtig einordnen zu können, ist sie so wichtig – die Erinnerung – die Gräber. Denn es sind unsere Gräber. Sie mahnen und geben uns Ziel und Richtung. Sie sind Wegweiser in eine bessere und friedliche Zukunft.

Es war erst die gemeinsame Erfahrung des unsäglichen Leids zweier Weltkriege, die zum Saatkorn der europäischen Einigung und damit zur Grundlage einer dauerhaften Friedensordnung in Europa wurde. Ohne die stete Erinnerung und Mahnung an die Gräuel und die Tyrannei des Krieges gäbe es kein verfasstes Europa. Es gäbe kein Europa, das auf der Stärke des Rechts beruht. Es gäbe kein Europa, welches die Würde des Menschen und die Rechte des Einzelnen zu seinem Fundament erklärt. Der Kern Europas ist und bleibt ein großes Friedensprojekt. Die Sicherung von Frieden und Freiheit für mehr als 500 Mio. Menschen. Dafür müssen wir dankbar sein: für den Frieden und den Wohlstand, den wir heute in unserem Land und in Europa haben. Und das gilt es zu bewahren.“

„Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.“ (Willy Brandt)

(...)

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